methods

TL;DR

Rückenschmerzen, Nackenverspannungen, Knieschmerzen – häufig liegt die Ursache nicht dort, wo es wehtut. Myofasziale Ketten übertragen Spannung über den ganzen Körper. Dieser Artikel erklärt, wie myofasziale Schmerzen entstehen, warum klassische Behandlungen oft scheitern und welche Protokolle wirklich helfen.

Myofasziale Schmerzen: Ursachen, Mechanismen und wie du sie selbst behandelst

Was sind myofasziale Schmerzen?

Myofasziale Schmerzen sind Schmerzen, die ihren Ursprung im Fasziengewebe und den darin eingebetteten Muskeln haben. Das Wort setzt sich zusammen aus myo (Muskel) und fascia (Bindegewebe). Faszie ist nicht einfach passive Verpackung – sie ist ein aktives, mechanorezeptorreiches Gewebe, das Zug, Druck und Bewegung registriert und weiterleitet.

Myofasziale Schmerzen – Spannungsübertragung durch Faszien-Ketten im Körper

Schmerzen entstehen oft nicht dort, wo sie gespürt werden: Myofasziale Ketten leiten Spannungen über den ganzen Körper weiter.

Das entscheidende Merkmal myofaszialer Schmerzen: Der Schmerzort ist oft nicht der Entstehungsort. Schmerzen im unteren Rücken können durch eine verkürzte hintere Faszien-Kette verursacht sein, die von der Fußsohle über die Wade, Oberschenkelrückseite und den Rücken bis zum Schädelansatz verläuft. Ein verspannter Nacken kann durch eine überlastete Brust-Schulter-Kette entstehen.


Die Faszien-Anatomie: Was die Forschung heute weiß

Bis in die 1990er-Jahre galt Faszie als unbedeutend. Heute wissen wir: Fasziengewebe enthält mehr Mechanorezeptoren als Muskelgewebe selbst – es ist das größte sensorische Organ des Körpers [1].

Wichtige Eigenschaften von Faszien:

  • Thixotropie: Unter Wärme und Bewegung wird Faszie flüssiger und gleitfähiger. Bei Kälte und Inaktivität verhärtet sie.
  • Piezoelektrizität: Mechanische Belastung erzeugt elektrische Signale in Kollagenfasern – ein Mechanismus, der bei gezieltem Druck (MFR) therapeutisch genutzt wird.
  • Nozizeptoren: Faszie enthält freie Nervenendigungen, die bei Überlastung direkt Schmerzsignale senden.

Die Forschungsgruppe um Carla Stecco (Universität Padua) hat gezeigt, dass Faszien über das gesamte muskuloskelettale System verbunden sind und Spannungen in sogenannten myofaszialen Sequenzen übertragen [2].


Myofasziale Triggerpunkte: Der Mechanismus hinter dem Referred Pain

Ein Triggerpunkt ist ein lokal verhärteter Bereich im Muskelgewebe – oft als tastbarer Knoten spürbar – der bei Druck charakteristischen übertragenen Schmerz (Referred Pain) auslöst. Beispiel: Druck auf einen Triggerpunkt im Trapezius-Muskel löst typischerweise Kopfschmerzen und Augendruck aus.

Der Mechanismus: Überlastete Muskelfasern geraten in einen Dauerkontraktionszustand. Dies komprimiert lokale Blutgefäße, führt zu ATP-Mangel und setzt Entzündungsmediatoren (Substanz P, CGRP) frei, die Nozizeptoren sensibilisieren [3].

Klinisch relevant: Simons und Travell dokumentierten über 200 bekannte Triggerpunkt-Referred-Pain-Muster – darunter:

  • Trapezius → Kopfschmerzen, Kieferschmerzen
  • Psoas → Lendenschmerzen, Leistenschmerzen
  • Gastrocnemius (Wade) → Knieschmerzen

Warum klassische Behandlungen oft scheitern

Die meisten Schmerzbehandlungen fokussieren auf den Schmerzort. Bei myofaszialen Schmerzsyndromen ist das der falsche Ansatz:

Klassische Fehler:

  • Dehnen des schmerzhaften Muskels (oft kontraproduktiv bei Triggerpunkten)
  • Lokale Wärme oder Kühlung ohne Behandlung der Ursachenkette
  • Symptombehandlung mit Schmerzmitteln ohne strukturelle Intervention
  • Ignorieren des Nervensystems als Schmerzmodulator

Studien zeigen, dass myofasziale Schmerzsyndrome in bis zu 85 % der Fälle auf Triggerpunkte zurückzuführen sind – die jedoch häufig an entfernten Körperstellen liegen [4].


Myofasziale Release-Techniken (MFR): Was wirklich hilft

Sustained Pressure (Kompression)

Die effektivste Methode zur Behandlung von Triggerpunkten: anhaltender, gezielter Druck auf den Triggerpunkt für 60–120 Sekunden. Dieser Zeitraum entspricht dem biologischen Schwellenwert für die Umstrukturierung von Kollagenfasern [5].

Myofaszialer Release mit Massage-Ball – gezielter Druck auf Triggerpunkte

Sustained Pressure: 60–90 Sekunden gezielter Druck löst Triggerpunkte und verbessert die Faszienqualität messbar.

Durchführung (Beispiel oberer Rücken):

  1. Massageball oder Faszienrolle an die Wand stellen
  1. Schmerzpunkt lokalisieren (tastbarer Knoten)
  1. 60–90 Sekunden mit konstantem Druck halten – kein Rollen
  1. Druckstärke: 6–7 von 10 (spürbar, aber kein scharfer Schmerz)

Post-Isometrische Relaxation (PIR)

Nach der MFR-Kompression: isometrische Kontraktion des Muskels für 5–7 Sekunden, dann vollständiges Loslassen und leichtes Dehnen. Dieser Mechanismus nutzt den Golgi-Sehnenreflex zur neuronalen Entspannung [6].

Neuro-Drill zur Verankerung

Nach jedem MFR-Protokoll ist ein Neuro-Drill entscheidend: Das Gehirn muss die neue Bewegungsfreiheit neuronal abspeichern. Ohne diesen Schritt kehrt die alte Spannung oft binnen Stunden zurück.

Neuro-Drill nach myofaszialem Release – visuomotorische Verankerung der neuen Bewegungsfreiheit

Nach dem MFR-Release: Ein gezielter Neuro-Drill verankert die neue Bewegungsfreiheit im Nervensystem.


Das AXON-Protokoll: Hardware → Software → Integration

Das AXON-Protokoll folgt einem dreigliedrigen Ansatz:

  1. Hardware (MFR): Gezielter Druck auf den relevanten Faszien-Knoten für 60–90 Sekunden
  1. Software (Neuro-Drill): Visuomotorischer oder vestibulärer Drill zur neuronalen Verankerung
  1. Integration: Funktionelle Bewegung, die die neu gewonnene Freiheit in Alltagsbewegung überführt

Dieser Loop ist entscheidend: MFR ohne Neuro-Drill löst kurzfristig, aber nicht langfristig. Der Neuro-Drill ohne vorherige Entspannung zeigt geringere Wirksamkeit.


Wer profitiert von myofaszialem Training?

Myofasziale Techniken sind für nahezu jeden geeignet – von Büroarbeitern mit chronischen Nackenverspannungen bis zu Leistungssportlern, die ihre Regeneration optimieren wollen.

Besonders wirksam bei:

  • Chronischen Rücken-, Nacken- und Schulterschmerzen
  • Kopfschmerzen und Migräne (Triggerpunkt-assoziiert)
  • Eingeschränkter Beweglichkeit ohne strukturelle Ursache
  • Sport-Überlastungssyndromen (Tennisarm, Läuferknie)
  • Stressbedingten Muskelverspannungen

Kontraindikationen: Akute Entzündungen, offene Wunden, Thrombosen, Osteoporose (Vorsicht mit Druck), frische Frakturen. Im Zweifel Arzt konsultieren.


Fazit

Myofasziale Schmerzen sind häufig, oft missverstandenund gut behandelbar – wenn die Ursachenkette korrekt identifiziert wird. Das Schlüsselprinzip: Schmerz entsteht selten dort, wo er gespürt wird. MFR-Protokolle mit anschließendem Neuro-Drill adressieren sowohl die strukturelle als auch die neuronale Ebene des Schmerzgeschehens.

Drei Kernpunkte:

  1. Schmerzort ≠ Schmerzursache – immer die Faszien-Kette prüfen
  1. 60–90 Sekunden Sustained Pressure ist der biologisch wirksame Schwellenwert
  1. MFR + Neuro-Drill zusammen wirken langfristiger als MFR allein

Quellen

  1. Schleip R & Müller DG (2013). Training principles for fascial connective tissues. Journal of Bodywork and Movement Therapies, 17(1), 103–115.
  1. Stecco C et al. (2011). Hyaluronan within fascia in the etiology of myofascial pain. Surgical and Radiologic Anatomy, 33(10), 891–896.
  1. Shah JP et al. (2008). Biochemicals associated with pain and inflammation are elevated in sites near to and remote from active myofascial trigger points. Archives of Physical Medicine and Rehabilitation, 89(1), 16–23.
  1. Gerwin RD (2001). Classification, epidemiology, and natural history of myofascial pain syndrome. Current Pain and Headache Reports, 5(5), 412–420.
  1. Chaudhry H et al. (2008). Three-dimensional mathematical model for deformation of human fasciae in manual therapy. Journal of the American Osteopathic Association, 108(8), 379–390.
  1. Lewit K & Simons DG (1984). Myofascial pain: Relief by post-isometric relaxation. Archives of Physical Medicine and Rehabilitation, 65(8), 452–456.
Teilen:FacebookLinkedIn

Häufige Fragen

Rechtlicher Hinweis: AXON ist ein Informations- und Trainingstool zur Steigerung der körperlichen Mobilität und Performance. Die Inhalte dienen der allgemeinen Information und ersetzen keine ärztliche Diagnose oder Behandlung. Bei akuten Schmerzen konsultieren Sie bitte einen Arzt oder Physiotherapeuten. Die Nennung von Experten wie Dr. Robert Schleip, Thomas W. Myers, Kelly Starrett oder Gray Cook dient der Erläuterung der sportwissenschaftlichen Theorien, auf denen AXON basiert. Es besteht keine geschäftliche Verbindung oder offizielle Partnerschaft mit den genannten Personen oder deren Marken (wie z.B. FMS, Anatomy Trains oder The Ready State).

Finde deinen Triggerpunkt und starte das AXON MFR-Protokoll

Starte jetzt deine 7-tägige kostenlose Testphase und optimiere dein System

Cookies & Datenschutz

Wir verwenden notwendige Cookies, um die Funktionalität von AXON zu gewährleisten. Diese Cookies speichern Ihre Einstellungen und ermöglichen eine optimale Nutzung der App. Weitere Informationen finden Sie in unserer Datenschutzerklärung.